„spanischer Kolonialismus, ermöglichte dem marokkanischen Regime, das Rif in Besitz zu nehmen“

Ali Lmrabet ist eine der kritischsten Stimmen gegen das Regime von Mohamed VI., Diplomat, Journalist, Schriftsteller und Lehrer, wurde 1959 in Tetouan geboren, Pionier auf dem Gebiet der freien Presse in Marokko. Seine investigative journalistische Tätigkeit und seine Meinungen waren Gründe, warum er vom Regime in die Mangel genommen wurde. Mit dem Ziel der Zensur und des Machtausdrucks, wurden drei Zeitschriften von ihm verboten, seine Familie angegriffen und sogar sein Journalistenausweises im Jahr 2005 entzogen, nach einer von ihm veröffentlichten Reportage, obwohl er bereits 10 Jahre lang als Journalist in Marokko tätig war. Das Innenministerium gründetet einen Verein, um eine Beschwerde gegen ihn einzureichen. Als ehemaliger Redakteur mehrerer Wochenzeitungen, die vom marokkanischen Regime verboten wurden, wurde er 2003 nach einem Amtsenthebungsverfahren für acht Monate inhaftiert. Zuvor war er 1999 aus dem Le Journal zurückgetreten, als die Zeitung ihm eine Veröffentlichung verweigerte, die den reformistischen Willen des jetzigen Monarchen in Frage stellte.

Wie entwickelt sich Ihr Beruf heute?

Das Leben geht weiter, wie das Lied sagt. Die marokkanische räuberische Autokratie arbeitet weiterhin völlig ungestraft, da sie weiß, dass es keine Gegenmacht gibt, um ihr zu begegnen, und wir verurteilen sie weiterhin. Ich arbeite als freier Mitarbeiter für mehrere ausländische Medien in der Hoffnung, dass meine Website wieder normal funktioniert, ohne Angriffe oder Viren oder Belästigungskampagnen.

Es gibt Grenzen, die in keinem offiziellen Text stehen, aber die jeder Journalist in Marokko kennt: Welche Grenzen sind das und welche Medien folgen nicht der offiziellen Linie?

Die üblichen. Sie haben sich nicht verändert. Die Korruption der Eliten, der König, der Konflikt in der Westsahara, dessen Nichtauflösung vom Regime genutzt wird, um uns in seiner Propaganda gefangen zu halten, und die Religion, d.h. der Islam und nicht der politische Islamismus, der in Marokko, abgesehen vom Verein Al Adl Wal Ihsan (Gerechtigkeit und Spiritualität), der jetzt aber auch vom Königspalast kontrolliert wird. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass einige Persönlichkeiten auch zu „heiligen Objekten“ geworden sind, da sie nicht berührt werden dürfen, wie zum Beispiel der Chef der gesamten marokkanischen Polizei und des Geheimdienstes Abdellatif Hammouchi, der in mehreren Fällen der Folter angeklagt wurde und der zu einem unantastbaren Mann geworden ist. Er ist sogar in der in der Lage ist, die diplomatischen Beziehungen zwischen Marokko und seinen Verbündeten zu gefährden, wie wir vor einigen Jahren gesehen haben, als ein französischer Richter ihn nach der Beschwerde eines ehemaligen Weltmeisters des Kick-Boxens, Zakaria Moumni, um Anhörung bat, der von ihm gefoltert worden sein soll.

Das Rif hat die Freiheiten und Rechte in Frage gestellt, die sich hinter dem „konstitutionellen Reformismus“ von 2011 verbergen. Gab es in den letzten Jahren einen Rückgang der Pressefreiheit?

Entgegen einer von Ländern wie Spanien und Frankreich interessant verbreiteten Idee gibt es in Marokko keine Pressefreiheit. Der derzeitige König hat den Rekord seines Vaters bei der Inhaftierung von Journalisten gebrochen, und ich spreche nicht von Medien, die auf die eine oder andere Weise verboten werden. Er kann das tun, weil er durch dieselben Staaten geschützt ist. Die spanische Diplomatie ist verpflichtet, das Image Marokkos in internationalen Foren zu verteidigen. In Spanien enthüllte die Website „El Confidencial“ vor einigen Monaten, dass die CNI für den marokkanischen Geheimdienst nicht nur die in Spanien lebenden Rifis, Staatsangehörige und Auswanderer, sondern auch ihre spanischen Anhänger bespitzelt. Und wer führt die CNI? Sie „Soraya Sáenz de Santamaría“ ist auch die Vizepräsidentin der Regierung , d.h. die rechte Hand von “ M. Rajoy“, die Loblieder auf Marokko und seinen König singen. Diejenigen, die propagieren, dass sich Marokko verändert hat, liegen also entweder falsch oder tun dies absichtlich im eigenen Interesse.

Die marokkanische Hohe Behörde für audiovisuelle Kommunikation (HACA) hat drei öffentlich-rechtliche Fernsehsender und einen Radiosender ermahnt, „unangemessen“ über die Proteste des Rifs zu berichten: In diesen Monaten haben wir die Assoziation der Proteste mit der Unabhängigkeit, Algerien oder der Polisario-Front gesehen, wie hat Ihrer Meinung nach die Entlegitimation der Medien zur Unterstützung des restlichen Marokkos beigetragen?

Es ist nicht das erste Mal, dass die Marokkanische Hohe Behörde für audiovisuelle Kommunikation (HACA) öffentlich-rechtliche Fernsehsender für diese Art von Informationsdelikten tadelt, aber was bedeutet das schon? Die HACA kann keine Geldbußen verhängen oder damit drohen, diese Kanäle zu schließen, deren Führer direkt in Verbindung mit den Geheimdiensten und dem Königspalast stehen, wie in vertraulichen Dokumenten aufgedeckt wurde, die vor einigen Jahren von einem Hacker, „Chris Coleman“, enthüllt wurden: Hat sich in diesen Fernsehsendern nach der angeblichen Tadelung der HACA etwas geändert? Nein. Alles bleibt gleich. Was die Assoziation der Rif Dissidenten oder anderer „Feinde“ Marokkos betrifft, so ist es eine alte Regel, die Marokko auf seine Dissidenten anwendet. Eine interne Krise auf einen ausländischen Staat zu schieben, ist in Diktaturen sehr verbreitet. Ob das funktioniert oder nicht, hängt von den Menschen ab. Aber in einem Land, in dem das Regime die Hälfte der Bevölkerung in einem Zustand grausamen Analphabetismus hält, werden die Menschen es wahrscheinlich glauben. Als ich sah, dass sogar Nasser Zafzafi die Polisario-Front hart angriff, um zu zeigen, dass es nichts mit der Unabhängigkeit der Sahara zu tun hat, wurde mir klar, dass sogar er befürchtete, was die marokkanischen offiziellen Medien vorhatten.

Wenn ein Journalist wegen seiner Berichterstattung stört, wird ihm zunächst gedroht, dann starten sie eine Verleumdungs- und Belästigungskampagne gegen ihn, und wenn er die Bedeutung der Nachricht nicht versteht, verfolgen sie ihn, ruinieren ihn finanziell und sperren ihn schließlich ein.

Hussein Al Idrissi (Rif-Presse), Abdelali Haddou (Araghi TV), Fouad Assidi (Awar TV), Rabie al-Ablaq und Hamid El Mahdaoui (Badil.Info), Mohamed El Asrihi und Jawad Al Sabiry (Rif 24) wurden alle wegen „lizenzfreier Ausübung, Verleumdung, falscher Nachrichten, Teilnahme an Demonstrationen“ inhaftiert, verfolgt…. außerdem wurden sie in ihren Fällen hauptsächlich für ihre Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken eingebuchtet …. Wie werden ihrer Meinung nach ihre Fälle enden?

Die Methode ist folgende: Wenn ein Journalist wegen seiner Berichterstattung stört, beginnt er damit, ihn zu bedrohen, startet dann eine Verleumdungs- und Belästigungskampagne gegen ihn, und wenn er die Bedeutung der Nachricht nicht versteht, verfolgt er ihn, ruiniert ihn finanziell und landet schließlich im Gefängnis. Solange er versteht, dass er in das Spiel einsteigen muss. Wenn er das tut, lassen sie ihn schnell frei und helfen ihm sogar, eine andere Medienstelle einzurichten. Aber er bleibt im Gefängnis, bis der königliche Palast, und kein anderer, glaubt, dass die Zeit gekommen ist, ihn zu befreien. Kurz gesagt, alles hängt vom Charakter dieser Journalisten ab, aber auch von der Situation im Rif. Diese Journalisten sind vorerst Geiseln des Regimes, und ich bedaure, dass die internationale Gemeinschaft nicht wie bei den Türken demonstriert hat.

Der Makhzen hatte praktisch keine Kontrolle über das Rif.

Das marokkanische Volk manifestiert sich in verschiedenen Teilen des Staates, der Wendepunkt seit 2011 wurde jedoch vom Hirak markiert. Warum haben sich die Mobilisierungen für Forderungen, die für ganz Marokko gelten, nicht ausgeweitet? Was sagen Sie für die Rif-Bevölkerung voraus, die die gleiche Unterdrückung erlitten hat, die sie bereits in anderen Perioden wie den von 1958-59 oder 1984 erlebt haben, wie Sie im Prolog „Die Bedrohung des Nordens“ des kürzlich erschienenen Rif Buches schrieben: Von Abdelkrim bis zur Demütigung von Alhuceima?

Die Aufstände in Marokko sind zyklisch. Andere Unruhen werden sicherlich kommen, aber niemand kann vorhersehen, wann oder warum oder wie sie sich entwickeln werden. Aber die Marokkaner wissen, dass sie, wenn sie rebellieren, mit Zustimmung der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten gewaltsam und Toten unterdrückt werden. Die Europäische Union lehrt der ganzen Welt viel Demokratie, ist aber mit dem marokkanischen Regime auf Kuschelkurs, weil es über die südliche Grenze wacht. Das Rif ist anders. Die Rifis fühlen sich nicht in die nationale Gruppe integriert, weil sie es selbst, die marokkanischen Sultane und Könige so wollten. Es sollte bekannt sein, dass der Mekhzen (Regime) bis zum Ende des Rif-Krieges 1927 praktisch keine Kontrolle und Macht über das Rif hatten. Es war der spanische Kolonialismus, der es dem Regime ermöglichte, dieses Gebiet offiziell in Besitz zu nehmen.

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